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In dieser Folge ist Markus Euring zu Gast. Er ist Geschäftsführer bei Enerpipe. Enerpipe ist ein Spezialist für Nah- und Fernwärme.
Wir sprechen über den Beitrag, den Wärmenetze zur Energiewende leisten können. Es geht um Kosten, Materialien und technische Herausforderungen beim Bau von Wärmenetzen. Es geht aber auch um die Frage, ob es immer sinnvoll ist, alle Wärmeverbraucher eines Gebietes an ein Wärmenetz anzuschließen. Darüber hinaus diskutieren wir die Einsatzmöglichkeiten von Wärmenetzen im Sinne der Sektorenkopplung und zur Nutzung flexibler Strompreise.
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Zusammenfassung des Podcasts
Wärmenetze für die Energiewende: Wo sie wirken – und wo nicht
In dieser Folge von »Wärmewende gemeinsam« spricht EMCEL mit Markus Euring (EnnerPipe) über Wärmenetze als Infrastrukturbaustein der Energiewende: von Kosten und Materialwahl über technische Auslegung bis zur Frage, ob wirklich „alle“ angeschlossen werden sollten. Ein Schwerpunkt liegt auf Sektorenkopplung – also der Verknüpfung von Strom- und Wärmesystem, etwa über Wärmepumpen, Power-to-Heat und KWK.
Nahwärme vs. Fernwärme: weniger Recht, mehr Praxis
Rechtlich ist die Unterscheidung überraschend unscharf: Sobald Wärme leitungsgebunden an Dritte geliefert wird, bewegen sich Betreiber im Fernwärme-Rahmen. In der Praxis steht „Fernwärme“ oft für große, innerstädtische Netze, „Nahwärme“ eher für kleinteilige, dörfliche Netze – häufig mit Bürgerprojekten oder Genossenschaften.
„Rein rechtlich ehrlich gibt es gar keinen Unterschied.“
Das Zitat ist wichtig für Politik und Verwaltung: Es reduziert Scheindebatten und lenkt den Blick auf die entscheidenden Faktoren – Trassen, Temperaturen, Betreiberform, Finanzierung.
Wirtschaftlichkeit: Warum Kostenkataloge Netze „totrechnen“ können
Kostenkataloge liefern Orientierung – aber Euring warnt vor falschen Schlussfolgerungen, besonders beim Rohr- und Tiefbau. Seine Beobachtung: Viele Kennwerte basieren eher auf urbanen Projekten (Stadtwerke, komplexe Baubedingungen). Im ländlichen Raum können reale Tiefbaukosten deutlich niedriger liegen – mit direktem Effekt auf den Wärmepreis und die Anschlussbereitschaft.
„Ansonsten könnten euch eure Wärmenetzideen von Anfang an dann vielleicht eben auch tot gerechnet werden.“
Der Satz adressiert ein typisches Risiko in der kommunalen Wärmeplanung: Wenn Referenzwerte nicht zur Gebietstypik passen, kippt die Bewertung – obwohl das Netz praktisch machbar wäre.
Material und Komponenten: Stahl, Kunststoff – oder Hybridnetz
Beim Leitungsbau ist die Entscheidung nicht ideologisch, sondern technisch-wirtschaftlich:
- Stahlmantelrohre (klassisch, verschweißt): geeignet bei hohen Temperaturen, Drücken, großen Volumenströmen.
- Kunststoffleitungen (Ringbundware): bei passenden Randbedingungen oft einfacher und günstiger zu verlegen.
- Hybridnetze: Haupttrassen in Stahl, Nebenstränge in Kunststoff – je nach Quartierstruktur.
Dazu kommt die Übergabetechnik: Statt klassischer Übergabestationen setzt EnnerPipe im ländlichen Kontext teils auf dezentrale Pufferspeicher (z. B. 1.000 Liter pro Gebäude). Das kann Lastspitzen glätten, Netzdimensionen reduzieren und den Pumpenbetrieb optimieren.
Sektorenkopplung: Wärmenetze als „Systemplattform“ für flexiblen Strom
Euring beschreibt Wärmenetze als anpassungsfähiges System: Heute mit lokal verfügbaren Ressourcen (z. B. Abwärme, Solarthermie, Biomasse), morgen mit neuen Erzeugern. Für die Energiewende zentral ist die Kopplung mit dem Stromsystem:
- Bei Stromüberschuss (viel Wind/PV) kann Wärme über Wärmepumpen oder Power-to-Heat erzeugt werden.
- Bei Stromknappheit können flexible KWK-Anlagen (idealerweise mit Biogas, perspektivisch ggf. Wasserstoff) Strom und Wärme liefern und Lastspitzen ausgleichen.
- Flexible Stromtarife und diskutierte flexible Netzentgelte erhöhen die wirtschaftlichen Anreize, Überschussstrom nicht abzuregeln, sondern in Wärme umzusetzen.
Anschlussquote ist wichtig – aber nicht „Anschluss um jeden Preis“
Die Folge räumt mit einem Missverständnis auf: Entscheidend ist nicht die absolute Zahl der Anschlüsse, sondern die Wärmebelegungsdichte (Energie pro Trassenmeter). Einzelne, weit entfernte Objekte können unwirtschaftlich sein – selbst wenn grundsätzlich Interesse besteht. Gleichzeitig bleibt Nachverdichtung möglich, wenn später zusätzliche Abnehmer dazukommen.
„Anschluss will keine Anschlussgarantie.“
Damit wird klar: Wärmenetze sind Infrastrukturprojekte, die soziale Dynamik (Überzeugung im Quartier) und harte Wirtschaftlichkeit (Trassenkosten, Wärmeabnahme) zusammenbringen müssen.
FAQ zu Folge
Was unterscheidet Nahwärme und Fernwärme?
Rechtlich gibt es keine feste Metergrenze; praktisch steht „Fernwärme“ oft für große urbane Netze, „Nahwärme“ für kleinere, lokale Netze.
Warum weichen Praxis-Kosten von Kostenkatalogen ab?
Kostenkataloge orientieren sich häufig an urbanen Projekten. Im ländlichen Raum können Tiefbau- und Rohrbaukosten deutlich niedriger sein – oder je nach Markt/Angebotslage auch stark streuen.
Wann ist Kunststoff statt Stahl sinnvoll?
Wenn Temperaturen, Drücke und Volumenströme es zulassen, kann Kunststoff die Verlegung vereinfachen und Kosten senken. Häufig ist ein Hybridnetz (Haupttrasse Stahl, Nebenstränge Kunststoff) sinnvoll.
Wie macht Sektorenkopplung Wärmenetze zukunftsfähiger?
Wärmenetze können Stromüberschüsse via Wärmepumpe/Power-to-Heat in Wärme umwandeln und bei Stromknappheit über flexible KWK Strom und Wärme bereitstellen.
Muss ein Wärmenetz immer alle Gebäude anschließen?
Nein. Maßgeblich ist die Wärmebelegungsdichte (Energie pro Trassenmeter) und die konkrete Baukomplexität (Querungen, Leitungswege). Nachverdichtung bleibt später möglich.
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