
/
In dieser Folge ist Markus Euring zu Gast. Er ist Geschäftsführer bei Enerpipe. Enerpipe ist Spezialist für Nah- und Fernwärme. Außerdem ist Markus Euring privat Vorstandsvorsitzender einer Energiegenossenschaft.
Wir sprechen heute darüber, wie Wärmenetze genossenschaftlich umgesetzt werden können. Dabei tauchen wir ein in die genossenschaftliche Arbeit in Bastheim an der Rhön. Anschließend gibt uns Markus spannende Hinweise, wie man an die Gründung einer Genossenschaft herangehen kann und was man im Vorfeld prüfen sollte.
Links:
Zusammenfassung des Podcasts
Wärmenetze als Bürgerprojekt: Wie Genossenschaften die Wärmewende vor Ort beschleunigen
Genossenschaftlich organisierte Wärmenetze gelten vielerorts als praktikabler Weg, um in dezentralen Gebieten eine bezahlbare, klimafreundliche Wärmeversorgung aufzubauen – gerade dort, wo kein Stadtwerk aktiv ist oder kommunale Ressourcen fehlen. In dieser Folge von »Wärmewende gemeinsam« (EMCEL) beschreibt Markus Euring (EnnerPipe, zugleich Vorstand einer Energiegenossenschaft), wie in Bastheim (Bayerische Rhön) ein Nahwärmenetz aus einer Bürgerinitiative heraus entstanden ist – von der ersten Idee bis zur ersten Wärmelieferung.
Vom Impuls zur Umsetzung: Bastheim als Praxisbeispiel
Ausgangspunkt war ein bereits vorhandenes, kleines Netz eines Biogasanlagenbetreibers – doch dessen Kapazitäten reichten für eine größere Erweiterung nicht aus. Daraus entstand die Frage: Kann das Dorf ein eigenes Netz aufbauen – mit tragfähigem Geschäftsmodell und genügend Anschlussbereitschaft?
Zeitachse: zwei Jahre bis zur ersten Wärme
- Ende 2021: Erste Ideen und Gespräche im Ort
- Mai 2022: Auftaktveranstaltung, Start Bürgerbefragung
- Sommer 2022: Konditionen und erste Ergebnisse, Rücklauf einsammeln (inkl. Haustürgespräche)
- November 2022: Genossenschaftsgründung
- 2023: Vorplanung, Fördermittel, Finanzierung
- Frühjahr 2024: Bauphase
- Anfang November 2024: erste Wärmeversorgung im Ort
Das Muster ist typisch: Die technische Planung ist anspruchsvoll – aber ohne Anschlussquote und Akzeptanz bleibt das Netz auf dem Papier.
Kommunikation als Schlüssel: Ängste, Technik und Zeitpläne verständlich machen
„Das Wichtigste ist … saubere Kommunikation.“
Euring beschreibt, warum Projekte oft nicht an der Technik scheitern, sondern an Verständlichkeit und Vertrauen: Ein Wärmenetz muss erklärt werden (Vorlauf/Rücklauf, Redundanzen, Herkunft der Energie, Ausfallsicherheit, Preislogik).
Als Erfolgsfaktor nennt er einen breiten Arbeitskreis mit Menschen aus unterschiedlichen sozialen „Netzen“ im Ort – damit Missverständnisse schnell korrigiert werden können, bevor Gerüchte das Projekt kippen.
Transparenz in der Praxis: „Tag des Heizhauses“ und schnelle Q&A-Termine
Neben E-Mail-Updates setzte die Genossenschaft auf offene Termine vor Ort – inklusive Besichtigung der Anlage („Tag des Heizhauses“) und spontanen Treffen, wenn Fragen aufkamen. Die Logik: lieber früh klären als lange schriftlich eskalieren lassen.
Energiequellen und Resilienz: Biogas-Abwärme plus Holz – mit Plan B
In Bastheim basiert die Erzeugung auf Abwärme der lokalen Biogasanlage plus regionalen Holzhackschnitzeln. Gleichzeitig wurde die Anlage so ausgelegt, dass sie nicht zwingend von der Biogasanlage abhängt. Das reduziert Risikoargumente („Was, wenn die Biogasanlage wegfällt?“).
Warum Genossenschaften das „Monopol“-Argument entschärfen
Viele Menschen fürchten beim Wärmenetz Abhängigkeit von einem Anbieter. Die Folge zeigt einen zentralen Unterschied zwischen klassischem Wärmeliefervertrag und Genossenschaft: Mitglieder sind zugleich Kundinnen/Kunden und (Mit-)Eigentümerinnen/Eigentümer – mit Einblick in Entscheidungen und Kassen.
„Das Thema mit Abhängigkeit von Monopolisten ist bei der Genossenschaft absolut gar nicht gegeben, weil man selbst … als Eigentümer mitsitzt.“
Der Punkt ist politisch wie wirtschaftlich relevant: Preisentscheidungen werden nicht „von außen“ getroffen, sondern durch Gremien und Generalversammlung gesteuert – inkl. Rücklagenbildung oder sogar Preissenkungen bei Überschüssen.
Wirtschaftlichkeit: Preisstabilität statt Kesseltausch-Schock
Euring argumentiert mit Vollkosten und Lebenszyklus: Viele vergleichen mit historischen Ölpreisen, blenden aber Folgekosten aus – etwa den Kesseltausch nach 15 Jahren. Beim Wärmenetz seien die großen Fixkosten (Tiefbau, Rohrbau, Gebäude Hülle der Zentrale) einmalig und schaffen langfristig stabilere Preisgrundlagen.
„Gemeinschaftsprojekt“ als Kostenvorteil
Die Genossenschaft hat nicht alles in Eigenleistung gemacht, aber unterstützende Tätigkeiten organisiert – u. a. über eine Helfergruppe. Das spart Kosten, die sonst in Anschlussgebühren oder Wärmepreis landen würden. Nebenbei entsteht sozialer Zusammenhalt – ein Faktor, der wiederum die Anschlussbereitschaft stärkt.
Erste Schritte zur Genossenschaft: Was vorher geprüft werden sollte
Die Folge liefert klare Leitfragen für Kommunen und Initiativen:
1) Passt das Modell zur lokalen Struktur?
Genossenschaften funktionieren besonders dort, wo es gewachsene, vertrauensbasierte Strukturen gibt. „Aufzwingen“ lässt sich das Modell nicht – es braucht intrinsische Motivation.
2) Welche Alternativen sind realistischer?
Je nach Größe und Wärmebedarfsdichte können auch Gemeindewerke, Kommunalunternehmen oder Stadtwerke passende Träger sein. Genossenschaft ist nicht immer die beste Lösung – aber oft die einzige, wenn sonst niemand vorangeht.
3) Anschlussquote und Wirtschaftlichkeit sichern – auch wenn es weh tut
Nicht jedes Teilgebiet lässt sich integrieren. Bastheim musste einen Teilstrang aus wirtschaftlichen Gründen streichen, nachdem Anschlussinteresse wegbrach. Solche Entscheidungen brauchen Rückgrat und Transparenz.
4) Früh Expertise einbinden
Wer Bürger überzeugt, muss von Tag 1 kompetent Antworten geben. Empfehlung: erfahrene Fachleute für Netzplanung, Technik, Förderung und Wirtschaftlichkeit einbinden.
Kommunale Wärmeplanung als „Türöffner“ für Genossenschaften
Euring ordnet die kommunale Wärmeplanung als hilfreichen Startpunkt ein: Sie macht Potenziale sichtbar, sensibilisiert Bürger und Politik und kann den Übergang von Strategie zu Umsetzung anstoßen – etwa über Infoabende, Arbeitskreise und parallele Machbarkeitsuntersuchungen.
FAQ zur Folge
Was ist ein genossenschaftliches Wärmenetz?
Ein Nah- oder Fernwärmenetz, das von einer Energiegenossenschaft getragen wird. Anschlussnehmende sind zugleich Mitglieder und können über Gremien und Generalversammlung mitentscheiden.
Warum ist die Anschlussquote so entscheidend?
Weil Wärmenetze hohe Fixkosten (Tiefbau, Rohrbau, Zentrale) haben. Ohne genügend Abnehmerinnen/Abnehmer wird das Modell wirtschaftlich instabil.
Sind Genossenschaften wirklich transparenter als klassische Anbieter?
Ja: Entscheidungen, Berichte und Kassenlage sind innerhalb der Genossenschaft einsehbar; Gewinne stehen nicht im Vordergrund, stattdessen Kostenminimierung und Rücklagen.
Welche Wärmequellen eignen sich für solche Netze?
Im Beispiel Bastheim: Biogas-Abwärme plus Holzhackschnitzel – grundsätzlich sind verschiedene Quellen möglich, zentral ist die flexible Umrüstbarkeit („Technologieoffenheit“).
Wie hilft kommunale Wärmeplanung bei Genossenschaftsnetzen?
Sie identifiziert Gebiete und Potenziale, schafft Aufmerksamkeit und kann Beteiligung strukturieren – etwa über Arbeitskreise und Informationsveranstaltungen, die in konkrete Umsetzungsprojekte münden.
Abonnieren auf Spotify
Abonnieren Sie unseren Podcast »Wärmewende gemeinsam« von EMCEL, um weitere Einblicke in kommunale Energielösungen und Praxisbeispiele zu erhalten. Für Projekte rund um Wärmeplanung, Wärmenetze, Dekarbonisierung und Umsetzungskonzepte: Kontaktieren Sie die EMCEL GmbH.
