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Heute ist Dominik Nachtsheim zu Gast. Er ist Klimaschutzmanager der Stadt Boppard und stellvertretend für die Verbandsgemeinden im Rhein-Hunsrück-Kreis.
Wir sprechen über die dort bereits abgeschlossene Wärmeplanungen und wir werden einen Blick auf die in den Verbandsgemeinden jetzt anstehenden Aufgaben werfen.
Abschließend gibt Dominik Nachtsheim einen Ausblick darauf, wie der Rhein-Hunsrück-Kreis die Wärmewände in den kommenden Jahren begleiten will.
Links:
Zusammenfassung der Folge
Kommunale Wärmeplanung in Boppard und dem Rhein-Hunsrück-Kreis: Dekarbonisierung bis 2040 – Wärmenetze, Flusswasser und digitale Transparenz
In dieser Folge von »Wärmewende, gemeinsam, heute« (EMCEL) spricht Marcel Corneille mit Dominik Nachtsheim, dem Klimaschutzmanager der Stadt Boppard. Stellvertretend für den rheinland-pfälzischen Rhein-Hunsrück-Kreis und die dortigen Verbandsgemeinden (Hunsrück-Mittelrhein, Kastellaun, Simmern-Rheinböllen und Kirchberg) zieht er rund anderthalb Jahre nach dem ersten Gespräch eine Bilanz: Die kommunale Wärmeplanung (KWP) ist erfolgreich abgeschlossen. Im Fokus der Folge stehen die zentralen Erkenntnisse des Projekts, konkrete technische Ansätze wie die Nutzung von Flusswasser sowie die nächsten Schritte bei der praktischen Umsetzung und Bürgeraktivierung.
Ausgangslage vor Ort: Die Dimensionierung des fossilen Bestands
Der Rhein-Hunsrück-Kreis blickt auf eine gewaltige Transformationsaufgabe im Wärmesektor. Mit rund 35.800 Heizsystemen im gesamten Kreisgebiet, die derzeit noch überwiegend mit fossilem Erdgas und Heizöl betrieben werden, besteht akuter Handlungsbedarf. Zusammen erzeugen diese Systeme einen jährlichen Gesamtwärmebedarf von 1.400 Gigawattstunden (GWh). Das erklärte Ziel der beteiligten Kommunen ist es, diese Energiemengen bis zum Jahr 2040 vollständig klimaneutral umzugestalten – und damit fünf Jahre schneller zu sein als der Bund.
Die wichtigsten Erkenntnisse: Wo sich Wärmenetze wirklich lohnen
Der abgeschlossene Wärmeplan liefert den Kommunen eine klare Orientierung und filtert die technologischen Potenziale präzise heraus. Große Chancen für neue Wärmenetze zeigen sich vor allem in dicht besiedelten Ortslagen mit einem relativ alten Gebäudebestand, da dort die erforderliche Wärmebedarfsdichte hoch ist. Neben dem Neubau von Infrastrukturen spielte im Planungsprozess auch die Optimierung des Bestands eine wichtige Rolle: Existierende Netze im Landkreis wurden gezielt daraufhin untersucht, ob sich eine Erweiterung wirtschaftlich darstellt oder wie sich der Wärmebedarf über gezielte Sanierungsinitiativen im Vorfeld senken lässt.
Technische Innovation am Rhein: Flusswasser als Wärmequelle
Eine geografische Besonderheit der Region ist die unmittelbare Nähe zum Rhein. Die Wärmeplanung hat hierfür eine konkrete technologische Lösung aufgezeigt: Für die direkt am Fluss gelegenen Bereiche bietet sich das Flusswasser als ideale, regenerative Energiequelle an. Über den Einsatz von Großwärmepumpen kann dem Wasser thermische Energie entzogen und direkt in die neu konzipierten Wärmenetze eingespeist werden – ein Ansatz, der die lokale Ressource hocheffizient nutzt.
„Wärmeplanung zum Anfassen“ in Boppard-Buchholz
Dass die kommunale Wärmeplanung kein theoretisches Papierprojekt für die Schublade bleibt, beweist ein aktuelles Vorhaben im Bopparder Stadtteil Buchholz. Im dortigen Neubaugebiet wird bereits ein kaltes Nahwärmenetz realisiert. Das Projekt befindet sich in der finalen Vorbereitung, die Ausschreibungsverfahren starten im Herbst 2026. Im darauffolgenden Jahr werden die baulichen Maßnahmen vor Ort für die Bevölkerung direkt sichtbar. Bis neue Wärmenetze im Bestandsgebäude-Bereich umgesetzt werden, verstreicht aufgrund der aufwendigeren Vorlaufzeiten (Machbarkeitsstudien, Förderanträge) naturgemäß deutlich mehr Zeit.
Interkommunale Kooperation: Die Kreisenergiegesellschaft als Erfolgsfaktor
Ein entscheidender Vorteil im gesamten Planungsverlauf war die historisch gewachsene, enge Kooperation zwischen den Verbandsgemeinden und der Stadt Boppard. Durch regelmäßige Abstimmungen und die Arbeit unter dem Dach einer gemeinsamen Kreisenergiegesellschaft konnten Synergien optimal genutzt werden. Unterstützt durch die Energieagentur des Landes verlief die strategische Ausrichtung reibungslos.
Realitätscheck Datenerhebung: Bürokratische Hürden und Lerneffekte
Trotz des erfolgreichen Abschlusses zeigt die Folge auch Optimierungspotenziale auf, die als wertvolle Tipps für andere Kommunen dienen können. Insbesondere bei der Datensammlung gab es unerwartete bürokratische Hürden. Obwohl ein interkommunaler Zusammenschluss vorlag, musste letztlich jede Verbandsgemeinde die relevanten Daten, wie beispielsweise die Kehrbuchdaten bei den bevollmächtigten Bezirksschornsteinfegern, einzeln anfragen. Zudem stellte sich heraus, dass aggregierte Sanierungsdaten über das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) im Nachgang kaum verwertbaren Erkenntnisgewinn brachten. Hier ließen sich künftig wertvolle personelle Ressourcen einsparen.
Politische Rahmenbedingungen: Kurs halten trotz GEG-Debatten
Auf die Frage, wie sich die anhaltenden politischen Diskussionen und potenziellen Änderungen rund um das Gebäudeenergiegesetz (GEG) auf die Region auswirken, zeigt sich die lokale Ebene unaufgeregt und zielstrebig. Da die Klimaschutzziele im Kreis fest verankert sind und sich die Kommunen zudem über den Kommunalen Klimapakt Rheinland-Pfalz den ambitionierten Landeszielen verpflichtet haben, bleibt der strategische Fahrplan unberührt.
„An der grundlegenden Vorgehensweise, an dem grundlegenden Plan und an der Idee wird das [GmodG] erst mal nichts ändern. Wir haben unsere Ziele, die beschlossen sind.“
Die Kommunen treiben die Projekte in ihrem eigenen Einflussbereich unabhängig von Debatten auf Bundesebene konsequent voran.
Herausforderungen der Umsetzung: Finanzen, Vergabe und Stakeholder-Management
Die eigentliche Arbeit beginnt nach dem Beschluss des Wärmeplans. Zu den Kernherausforderungen der nächsten Phase gehören die Absicherung von Landes- und Bundesfördermitteln sowie die Integration der Kosten in die eigenen Haushaltspläne. Für die Stadt Boppard sind diese Mittel bereits erfolgreich freigegeben und genehmigt. Eine ebenso große Aufgabe liegt jedoch im klassischen Stakeholder-Management: Da die Zielgebiete durch einen sehr hohen Anteil an privatem Wohneigentum geprägt sind, muss eine immense Vielzahl einzelner Eigentümer*innen individuell informiert und für den Netzkonsens gewonnen werden.
Woran misst sich der Erfolg der Wärmewende?
Langfristig wird der Erfolg der Initiative nicht an der reinen Anzahl installierter Netzkilometer gemessen, sondern ausschließlich an harten Klimaschutzdaten. Die technische Ausgestaltung – ob zentrales Wärmenetz oder dezentrale Wärmepumpe – ist dabei zweitrangig.
„Das übergeordnete Ziel, was wir haben, generell im Klimaschutz und jetzt dann speziell im Bereich der Wärme, ist ja die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Und das ist letztlich auch die Zielgröße, an der man Erfolg oder Scheitern messen kann.“
Nächsten Schritte: Informationskampagnen und digitale Transparenz
Unmittelbar nach der Veröffentlichung der Ergebnisse hat die Stadt Boppard in Kooperation mit der Verbraucherzentrale eine groß angelegte Informationskampagne gestartet. Bürger*innen werden gezielt zu individuellen Sanierungsmaßnahmen und Heizungsoptionen beraten. Um maximale Transparenz zu gewährleisten, sind alle Ergebnisse der KWP auf der städtischen Website einsehbar. Über eine Verknüpfung mit dem Geoportal des Landkreises können Eigentümerinnen zudem visuell auf einer digitalen Karte prüfen, wie hoch die Wärmebedarfe in ihren spezifischen Ortsbezirken sind und welche Versorgungsart für ihre Immobilie prognostiziert wurde.
FAQ zu Folge
Welche fossilen Energiemengen müssen im Rhein-Hunsrück-Kreis transformiert werden?
Es betrifft rund 35.800 Heizsysteme, die überwiegend mit Gas und Öl betrieben werden. Der jährliche Gesamtwärmebedarf liegt bei rund 1.400 Gigawattstunden (GWh), der bis 2040 vollständig klimaneutral gedeckt werden soll.
Wie kann der Rhein als Wärmequelle für die Region genutzt werden?
Die Wärmeplanung zeigt, dass für strand- bzw. flussnahe Wohngebiete die thermische Nutzung von Rheinwasser über Großwärmepumpen eine hocheffiziente Option zur Speisung lokaler Wärmenetze darstellt.
Wo entsteht im Kreis bereits ein konkretes, neues Wärmenetz?
Im Bopparder Neubaugebiet Buchholz wird derzeit ein kaltes Nahwärmenetz realisiert. Die technische Ausschreibung startet im Herbst 2026, sodass die Baumaßnahmen im Jahr 2027 vor Ort sichtbar werden.
Wo können Eigentümer*innen einsehen, welche Lösung für ihr Gebäude vorgeschlagen wird?
Unter www.boppard.de finden Bürger*innen eine dedizierte Unterseite zur kommunalen Wärmeplanung. Von dort aus führt ein Link direkt zum Geoportal des Kreises, auf dem die Wärmebedarfe und Gebietsausweisungen grafisch und parzellenscharf dargestellt sind.
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